
Wenn man über die Winchester 1866 spricht geht das nicht, ohne ihren Vorgänger die legendäre Henry 1860 zu erwähnen. Schließlich stammt sie in direkter Linie von diesem Model ab.
Wie aber so schön im Buch „Winchester 1866 bis heute“ von Hans J. Heigel erwähnt wird, dass der Übergang zwischen beiden Modellen fließend war und in das Jahr 1866 fiel. Auch wurden anscheinend die Seriennummern einfach weiter geschrieben, weshalb es im Bereich der 12000 bis 14000 Nummern beide Modelle gab.

Von Henry über King zu Winchester
Die wichtigste Änderung die den Durchbruch machte, war die Landeklappe an der Seite im Gegensatz zum Schwenkbaren Aufsatz an der Mündung. Hier kann man ganz bequem von hinten die Patronen ins Röhrenmagazin stecken. Für mich einer der größten Vorteile (was Einsatztaktik angeht) ist die Chance hier eine taktisches Aufmunitionieren durchzuführen. Wie heute in der modernen Schießausbildung immer noch gelehrt wird ist in kurzen Feuerpausen möglichst wieder die Waffe voll zu laden. Dies geht durch die seitliche Klappe sehr schnell. Ich kann sogar mit dem Gewehr im Anschlag bleiben um auf eine etwaige Bedrohung direkt reagieren zu können. Auch heute noch ist daher ein Unterhebelrepetiersystem bei Jägern sehr beliebt, da in kurzen Pausen schnell nachgeladen werden kann.

Ich kann mich gut erinnern als ich meine 1860er das erste mal geschossen habe und selbst den „Follower Hop“ vergessen hatte. Dies ist ein kleiner Positionswechsel der Unterstützungshand am Magazin um den Zubringer weiter in Richtung System gleiten zu lassen. Man macht ein zwei Schuss und plötzlich kommt das lauteste Geräusch im Feuerkampf ( das leise Klicken eines Schlagbolzens auf eine leere Kammer) Was ist passiert: Der Magazin-Zubringer (Follower) schiebt die letzte Patrone im Röhrenmagazin Schuss um Schuss näher an das System heran. Nachdem dieser aber unten aus dem Magazin heraussteht kann es schnell passieren, dass er an der Unterstützungshand hängen bleibt und eben keine neue Patrone zugeführt wird. Und dann macht es „klick statt bang“. Näheres dazu könnt ihr bald im Artikel über die 1860er Henry lesen.
Dass ein Schlitz im Röhrenmagazin ein wahrer Schmutzmagnet ist, bauche ich wohl nicht erklären. Außerdem war die Henry auf dem Pferd durch den Schwenkteil an der Mündung schwer zu laden. Vor Allem wenn man versuchte eine nicht komplett leer geschossene Waffe aufzumunitionieren. Dabei hält man sich eventuell selbst eine geladene Waffe ins Gesicht womit Darwin seine wahre Freude hat.

Nelson King erhielt am 22. Mai 1866 das Patent auf die Ladeklappe an der rechten Seite. Er übertrug es aber schon zuvor an Winchester. Die Produktion lief 1867 richtig an und interessanter Weise hätte die Waffe auch auf französischer Seite in den Deutsch Französischen Krieg von 1870/71 ihren europäischen Fronteinsatz gefunden, wenn der Krieg nicht so schnell beendet worden wäre. Dies hätte aus meiner Sicht die europäische Geschichte stark verändern können. Denn hier wäre ein 11-Schüssiges Repetiergewehr mit Metallpatronen gegen die veraltete Zündnadeltechnik mit Papierpatronen angetreten.
⚒️ Infanteriegewehr im Krieg 1870/71
Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war das Standardgewehr der preußischen und norddeutschen Truppen das Zündnadelgewehr Modell 1862 von Dreyse. Es verschoss eine Papierpatrone im Kaliber 15,4 mm, die zentral gezündet wurde. Der lange, nadelartige Schlagbolzen durchdrang das Geschoss und traf den im Hülsenboden eingebetteten Zündsatz. Der Verschluss war ein einfach gehaltener Geradezug mit axialer Kammer. Die praktische Schussfolge lag bei etwa sechs bis acht Schuss pro Minute. Das System galt als fortschrittlich, war aber anfällig gegen Feuchtigkeit und Gaskraftverluste. Gegen Ende des Krieges befand sich bereits das Mauser-Gewehr Modell 1871 in Vorbereitung. Es nutzte Metallpatronen im Kaliber 11 mm und verfügte über einen deutlich verbesserten Drehzylinderverschluss mit besserer Abdichtung.
Historischer Einsatz am Little Bighorn
Bei der Schlacht am Little Bighorn am 25. und 26. Juni 1876 setzten viele Krieger der Lakota, Cheyenne und Arapaho nicht nur traditionelle Waffen ein, sondern griffen auf moderne Feuerwaffen zurück. Besonders häufig kamen Henry-Gewehre und Winchester Model 1866 Repetierbüchsen im Kaliber .44 Rimfire zum Einsatz. Diese Waffen waren den Einzelladern der US-Kavallerie in der Schussfolge deutlich überlegen. Faszinierend für mich: Archäologische Auswertungen des Schlachtfeldes ergaben, dass mindestens 62 Henry-Gewehre und mehrere Winchester 1866 verwendet wurden – im Vergleich zu Springfield-Gewehren Modell 1873 auf Seiten von Custers Truppen. Diese Zahlen belegen, dass Repetierer im Gefecht eine reale Rolle spielten, auch wenn sie nicht flächendeckend verbreitet waren. Die Winchester 1866 wurde vor allem auf kurze Distanz wirkungsvoll eingesetzt. Eine detaillierte Analyse bietet der Artikel bei HistoryNet. Über die Springfield Trapdoor Rifle der US Cavallry habe ich hier berichtet.

Was die 1866er im Feldeinsatz auszeichnete war ihre hohe Feuerkraft und die Möglichkeit sie aus dem Sattel nachzuladen. Man darf nicht vergessen, dass die Hauptwaffe vieler Soldaten und indigener Kämpfer immer noch eine einschüssige Vorderladerwaffe war. So zitiert Wilson in seinem Buch „Winchester – eine amerikanische Legende“ auf seite 26: Als Reatktion auf die Schnellfeuertauglichkeit des 1866er, und erst recht der Henry, bezeichneten die Indianer diese Gewher als “ many shots“(viele Schüsse) oder “ heap-firing“ (Massenfeuer)
Schon wieder eine Uberti?
Meine Winchester 1866 „Yellow Boy“ von Hege Uberti ist aus den 1970er Jahren (Näheres siehe Sammlungseinordnung). Mit dem Kaliber von .38 Special sehr moderat zu schießen und eignet sich hervorragend zum Üben auf den laufenden Keiler oder für die Nachsuche auf Rehwild. Hier auf dem Schießstand auf 50 Meter stehend freihändig.

| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Modell | Winchester 1866 „Yellow Boy“ |
| Hersteller | Uberti |
| Beschussjahr | 1972 (XX8) |
| System | Unterhebelrepetiergewehr |
| Kaliber | .38 Special |
| Lauflänge | 19 Zoll (ca. 480 mm) |
| Visierung | Klappvisier |
| Zündung | Zentralfeuerpatrone (10 +1) |
| Verschluss | Unterhebelrepetiersystem mit Röhrenmagazin |
| Gewicht | ca. 3,8 kg |
| Schaftmaterial | Nussbaumholz, geölt |
| Abzug | Direktabzug, trocken stehend |
| Besonderheit | Schüztensicherung abweichend vom Original |
Der feine und durchdachte Unterschied von Henry/King zum Design Aldo Ubertis
Die Besonderheit der Uberti Fertigung ist die Schützensicherung. Ein einfacher Hebelmechanismus der dafür sorgt, dass der Abzug nur betätigt werden kann, wenn der Verschluss komplett verriegelt ist. So etwas hat es nach meinen bisherigen Erkenntnissen beim Original nicht gegeben. Dies ist eine sehr wichtige Sicherungseinrichtung. Sollte die Patrone bei nicht ganz geschlossenem Verschluss gezündet werden könnte es zu einer Sprengung des Patronenbodens kommen. Der entstehende Gasstrahl ist eine reale Gefahr für den Schützen.


Sammlungseinordnung:
Meine Yellow Boy ist unter dem Logo „Westerner`s Arms“ vertrieben worden. Bei der Waffe kann folgender Beschuss festgestellt werden:XX8 Abkürzung für XXVIII und somit 1972
Der Stempel „Westerner’s Arms“ auf Uberti-Waffen verweist nicht auf einen Hersteller, sondern auf einen Vertriebskanal. Nach einem Hinweis im Muzzleloading Forum wurde Westerner’s Arms von Uberti selbst gegründet, um die in Gardone gefertigten Waffen in Europa und den USA zu vermarkten. Damit ist belegt, dass es sich bei Westerner’s Arms um ein Import- bzw. Handelslabel handelt, nicht um einen eigenständigen Produzenten. Das ist ein Punkt der die Sammlung von Uberti Waffen für mich so spannend macht.
Quelle:
Muzzleloading Forum, Beitrag vom Nutzer John Cholin:
„Westerner’s Arms was a company created by Uberti to market Uberti pistols in Europe and the US. Western Arms Corp was created by Leonard Allen in Santa Fe, NM to sell imported Uberti pistols. Two different import companies.“
https://www.muzzleloadingforum.com/threads/western-arms-corp-1860-army.172883/page-2 (abgerufen am 22. August 2025).
