Winchester 1866 als Henry 1860 – So entstand das Mock-Up in „Zwei glorreiche Halunken“
Heute geht es um ein Thema, das so alt ist wie Theater und Film selbst. Bereits im antiken Griechenland, im Römischen Reich und auf den Bühnen der späteren Jahrhunderte wurden neben aufwändigen Kostümen auch Waffen verwendet. Sei es das Duell zwischen Tybalt und Mercutio in Shakespeares Romeo und Julia (ca. 1595) oder der Kampf zwischen dem Nussknacker und dem Mäusekönig in Tschaikowskys Der Nussknacker (1892): Waffen waren schon immer Bestandteil der darstellenden Künste.
Zunächst im Theater – doch mit der Erfindung des bewegten Bildes fanden sie ihren festen Platz auch in der Filmwelt.
Waffen auf der Bühne und im Film

Das große Problem bei Waffen im Film ist, dass die Requisite zur Rolle passen muss. Genauso wie Schauspieler sorgfältig gecastet werden, sollten auch die Waffen typgerecht ausgewählt werden. In meiner Schulzeit war ich selbst an einer Theaterproduktion beteiligt und kümmerte mich um die Klingen für eine Kampfszene. Dabei stand die Unfallverhütung an erster Stelle: Die Schwerter mussten leicht, aber stabil sein. Da es sich um eine klassische Duellszene handelte, war es unvermeidlich, publikumsfreundlich Schneide auf Schneide zu schlagen – wie man es aus den berühmten Kampfszenen Hollywoods kennt. Um im Kontext der Renaissance zu bleiben, wählte ich für die Waffen das Format einer Cinquedea, auch als Ochsenzunge bekannt. Diese Kurzschwerter sind breit genug, um selbst aus der letzten Reihe als Waffe erkennbar zu sein.
Wenn keine passende Waffe verfügbar ist
Im Film stellt sich ein anderes Problem: Die Kamera ist oft nur wenige Zentimeter vom Akteur entfernt, und jedes Detail der Requisite kann sichtbar werden. Was aber, wenn die historisch korrekte Waffe nicht zur Verfügung steht?
Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man geht den Weg des Films Gegenspionage (Springfield Rifle, 1952), der mitten im Amerikanischen Bürgerkrieg spielt – obwohl das titelgebende Gewehr, die Springfield Model 1873, erst Jahre nach Kriegsende entwickelt wurde(Den entsprechenden Artikel findet ihr hier), oder man entscheidet sich für eine „Maskerade“ und tarnt eine bereits vorhandene Waffe so geschickt, dass sie ins Bild der Epoche passt. Wenn die Szene nur kurz im Bild ist fällt es wie hier nicht auf:
Die Tarnung im Leone-Western Zwei glorreiche Halunken

Genau das geschah beim Dreh von The Good, the Bad and the Ugly (1966, deutscher Titel: Zwei glorreiche Halunken) unter der Regie von Sergio Leone. Das Drehbuch verortet die Handlung mitten in den Amerikanischen Bürgerkrieg und entsprechend sollten auch die Waffen der Figuren dieser Zeit entsprechen. Wie ich in einem separaten Artikel über die Henry Rifle von 1860 noch genauer erklären werde: Diese Waffe war tatsächlich bei der Unionsarmee im Einsatz. Ihre Verwendung in den Händen von „Blondie“ alias Joe ist also historisch plausibel.

Nachfolgend: Gut sind die Unterschiede zu sehen. Das obere Bild stammt aus dem Film.

Man sieht keinen Laufmantel wie beim Henry 1860 sondern das Licht scheint zwischen Magazinrohr und Lauf hindurch. Auch ist der Kornträger extra. Letzter Hinweis ist die fehlende Abstufung am Verschlussgehäuse

Die Entstehung des Mock Up: Wie aus einer Winchester eine Henry wurde
Tja also eine Henry 1860 sollte es sein. Wäre da nicht eine kleine Einschränkung: In den 1960er-Jahren war die Verfügbarkeit von Nachbauten der Henry 1860 bei Weitem nicht so gut wie heute.
Dem Requisiten- und Waffenmeister blieb also nur eine Option: Tarnen und Täuschen.
Man nahm eine verfügbare Winchester 1866, entfernte kurzerhand den hölzernen Vorderschaft – und filmte aus den richtigen Winkeln. Schon sah die Waffe (zumindest auf den ersten Blick) aus wie eine Henry 1860.
Dem durchschnittlichen Zuschauer fiel der Unterschied nicht auf … außer uns Waffennerds natürlich.






Hier zeige ich euch beide Waffen im Vergleich.

Die Unterschiede zwischen Winchester 1866 und Henry 1860
Und spätestens jetzt erkennt auch das ungeübte Auge den Unterschied.



Abschließend lässt sich sagen: Ja, bei den Dreharbeiten wurde „geschummelt“. Aber als detailverliebter Sammler muss ich anerkennen, dass man sich Mühe gegeben hat, den äußeren Anschein zu wahren. Schließlich gibt es viele andere Filmproduktionen, in denen ein wilder Mix aus Waffensystemen gezeigt wird, der gleich mehrere Zeitmaschinen gleichzeitig beschäftigt hätte. 😉
Du interessierst dich für Waffen am Filmset? Dann schau dir auch meinen Beitrag über Platzpatronen und Sicherheit bei Dreharbeiten an.
