
Wolltet Ihr schon immer mal wissen, was eine Dampflock, ein Lippenstift und eine Taschenpistole gemeinsam haben? Dann kann ich Euch den Film Sherlock Holmes: Spiel im Schatten (2011) ans Herz legen. Hier zieht Dr. Watson im Zug eine kleine vierläufige Pistole aus der Tasche. Diese Szene zeigt eine Waffe, die ursprünglich in der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde: die Sharps Pepperbox.
Das Original geht auf den amerikanischen Büchsenmacher Christian Sharps zurück. Er ließ 1859 eine mehrläufige Taschenpistole patentieren, bei der sich nicht die Läufe drehen, sondern der Schlagbolzen. Die Produktion begann um 1860 und lief bis etwa 1874. Die Waffe war in verschiedenen Randfeuerkalibern erhältlich, unter anderem in den Kalibern .22, .30 und .32 Rimfire. Die Zahlen variieren je nach Quelle, aber meist ist von etwa 80.000 Stück die Rede.
Funktionsweise des Schlagmechanismus

Wenn man an Pepperbox-Waffen denkt dann ist das eigentlich der klassische Bündelrevolver. Ein Schlagbolzen und vier oder mehr rotierende Läufe. Diese Pepperbox besitzt keinen rotierenden Laufblock wie frühe Revolver oder klassische Pepperbox-Pistolen, sondern arbeitet mit einem feststehenden Laufblock und einem drehbaren Schlagbolzen (Firing Pin Carrier). Diese Konstruktion ist technisch einfacher und robuster als die Mechanik vieler Zeitgenossen.

Wie funtkionierts?
- Der Hahn wird in die Sicherheitsrast gespannt und mittels Druckknopf an der Unterseite der Laufblock nach vorne geschoben. Dann werden die feststehenden Läufe geladen.
- Beim Spannen des Hahns (single action) rotiert eine kleine, drehbar gelagerte Schlagbolzenscheibe jeweils um 90°. Ähnlich wie eine Uhr. die von 2 auf 4 auf 8 auf 10 Uhr dreht. Dadurch wird der Schlagbolzen immer in eine neue Position gebracht, die hinter einer der vier Patronen liegt.
- Beim Abdrücken schlägt der Hahn direkt auf diese Schlagbolzenscheibe, die den Schlag auf die jeweilige Patrone weiterleitet.
- Nach jedem Schuss muss man den Hahn erneut spannen, wodurch die Scheibe wieder um eine Position weiterdreht.

Diese Konstruktion ist einfach, zuverlässig und kompakt – perfekt für eine Taschenwaffe.
Der historische Nachbau von Uberti
In meiner Sammlung befindet sich eine Sharps Pepperbox des italienischen Herstellers Uberti, vertrieben über HEGE in Deutschland. Dieses Model ist aus historischer Sicht bemerkenswert, denn ich habe erst kürzlich gelesen, dass es die erste Patronenwaffe war, die Uberti jemals gefertigt hat. Zuvor hatte das Unternehmen ausschließlich Perkussions-Vorderlader produziert.
Uberti brachte damit eine Taschenwaffe auf den Markt, die dem Original nicht nur äußerlich, sondern auch technisch sehr nahekommt. Sie ist im Kaliber .22 kurz gehalten und originalgetreu aus Messing und Stahl gefertigt.

Einen ausführlichen Hintergrund zu diesem Thema findet man in einem Artikel von Wolf D. Niederastroth, erschienen im Deutschen Waffen-Journal (DWJ). Ich habe diesen Artikel als PDF vorliegen und darf mit Genehmigung Bilder und Inhalt daraus verwenden darf. Schaut gern hier vorbei. Schließlich handelt es sich bei Herrn Niederastroth um eine Koryphäe auf dem Gebiet der Neo-Klassiker.
Im Kapitel über meine Waffensammlung habe ich noch mehr Details zur Sharps Pepperbox.
Filmische Umsetzung
Dass Dr. Watson im Film eine Sharps Pepperbox verwendet, ist historisch nicht ganz korrekt. Die Szene spielt im Jahr 1891 – zu einem Zeitpunkt, als diese Waffenart längst von moderneren Revolvern verdrängt worden war. Dennoch ist die Wahl nachvollziehbar: Die Pepperbox vermittelt dem Zuschauer sofort das Bild einer leicht versteckbaren Mehrschusswaffe. In einem Feuergefecht mit einem MG vollkommen unterbewaffnet aber wie ich Euch zeigen werde: in den richtigen Händen doch ausreichend.
Sherlock Holmes im Schützengraben des viktorianischen Zeitalters – Waffen und Taktik im Zugkampf
Die berühmte Zug-Szene aus Sherlock Holmes: Spiel im Schatten ist ein Paradebeispiel für die filmische Mischung aus viktorianischer Improvisation, taktischem Denken und gezielter Überhöhung. Holmes setzt hier nicht auf rohe Gewalt, sondern auf List, Täuschung – und eine gute Portion physikalischer Logik.
Was auf der Leinwand spektakulär aussieht, ist in Teilen erstaunlich nachvollziehbar. Verkleidet als Lady schleicht er sich in den Zug, in dem sein Freund Dr. Watson und dessen frisch angetraute Ehefrau in die Flitterwochen reisen. Holmes weiß, dass sein Gegner Moriarty ein Killerkommando auf Watsons Fersen gehetzt hat. Doch Holmes wäre nicht der Meister der Deduktion, wenn er nicht jeden Schritt präzise vorbereitet hätte. Ich denke dies macht den Unterschied zu den vorherigen Holmes Interpretationen. Schon im ersten Teil von 2009 begeistert er mit einer präzise geplanten Anfags-Szene.
Schritt 1: Täuschung mit Phosphor

Holmes erkennt die mitreisenden Soldaten als Attentäter. Er verschanzt sich in der Zugtoilette, manipuliert das Licht im Abteil – und bläst den Eindringlingen Phosphorpulver entgegen. Dieses leuchtet beim Kontakt mit Luft grell auf und blendet sie vorübergehend. Eine reale Technik, wie sie im 19. Jahrhundert bekannt war – auch wenn reiner Phosphor in dieser Konzentration extrem gefährlich gewesen wäre. Als filmisches Ablenkungsmanöver funktioniert es dennoch überzeugend. Holmes setzt seinen Plan nun Schritt für Schritt um.
Schritt 2: Der Lippenstift – Erster Akt
Er stürzt sich in die Mitte seiner geblendeten Feinde und entschärft die Waffe eines Soldaten noch vor dem ersten Schuss. Blitzschnell steckt er die Hülle seines Lippenstifts in den Lauf der Unterhebelrepetierflinte.
Vermutlich handelt es sich dabei um eine Winchester Model 1887 – im Film jedoch fälschlich mit gezogenem Lauf dargestellt, obwohl das Original einen glatten Lauf besaß.

Das dahinterliegende Prinzip ist simpel: Wird der Lauf einer Schusswaffe am Mündungsausgang blockiert, kann der beim Schuss entstehende Gasdruck nicht entweichen. Besonders bei Schrotflinten, deren Läufe vergleichsweise dünnwandig sind, kann dies – abhängig von der verwendeten Munition und der Stabilität des Laufstahls – zum Aufreißen oder Platzen des Laufs führen. Wer so etwas schon live erleben durfte kennt das Geräusch.
Wurde die Winchester 1887 bei britischen Streitkräften geführt?
Kurz gesagt: Nein, offiziell nicht. Die Winchester Model 1887, eine Unterhebelrepetier-Schrotflinte (die übrigens bereits im 2009er Sherlock Holmes zum Einsatz kam) wurde primär für den zivilen Markt des amerikanischen Westens entwickelt. Es gab keine offizielle Einführung dieses Modells in die britischen Streitkräfte.
Schritt 3: Lippenstift zweiter Akt
Anschließend verwendet Holmes den Lippenstift ein zweites Mal: Er platziert ihn im Patronengurt eines Maxim-Maschinengewehrs, um so die Munitionszufuhr zu blockieren. Auch diese Szene basiert auf physikalischen Grundlagen: Ein harter Fremdkörper im Gurt kann das Zuführsystem blockieren und so eine Ladehemmung auslösen. Dies führt unweigerlich zu einem standardisierten Ablauf in der Störungsbeseitigung. Vermutlich kennt der eine oder andere das noch aus seiner Bundeswehrzeit.

Schritt 4: Unbeteiligte retten – Die Szene mit Mary Watson: kalkulierte Brutalität
In einer oft missverstandenen Szene stößt Holmes die Ehefrau von Dr. Watson scheinbar kaltblütig aus dem fahrenden Zug – doch der Moment ist präzise gewählt: Sie landet sicher im Fluss, wo Mycroft Holmes sie bereits erwartet.

Diese Szene ist ein Beispiel für Holmes’ Fähigkeit, Risiken kühl zu kalkulieren und dennoch das Wohl der Beteiligten im Blick zu behalten. Die Brutalität ist nur scheinbar – in Wahrheit folgt sie einem durchdachten Plan. Aber ich denke jedem fällt die Absurdität auf. Um ein paar Sekunden verschätzt und Watson geht als schnellster Witwer in die Geschichte ein.

Schritt 4: Die improvisierte Sprengfalle in der Zugtoilette
Holmes hat unbemerkt eine Handgranate aus dem Vorrat der Soldaten entwendet. Im Abteil konstruiert er daraus zusammen mit dem Kettenzug der Toilettenspülung eine mechanische Sprengfalle – ein klassisches Zugseil-Prinzip.
Diese Technik ist historisch durchaus denkbar: Stolperdrähte, Zugmechanismen und improvisierte Fallen waren spätestens seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg bekannt – und bei Feldtaktiken keine Seltenheit. Selbst auf den heutigen Schlachtfeldern immer noch im Einsatz.
Schritt 5: Der Kampf im Abteil – Die Pepperbox kommt ins Spiel
Als sich Holmes und Watson schließlich in einem Abteil verschanzen, zieht Holmes eine Sharps Pepperbox aus einem diskreten Schulterholster. Mit der kleinen Vierlaufpistole zwingt er die übrigen Passagiere zum Rückzug – keine aggressive, sondern eine defensive Handlung. Die Szene unterstreicht erneut: Holmes ist kein Schläger, sondern Stratege.
Im Anschluss legt sich Holmes scheinbar gelassen auf den Boden – noch immer geschminkt von seiner Damenverkleidung – und fordert Watson auf, es ihm gleichzutun.
Der Moment spielt mit einer subtil homoerotischen Spannung, wie sie in der modernen Holmes-Interpretation mehrfach humorvoll angedeutet wird, ohne sie plakativ auszuspielen. Im Kino hat es für einen Lacher gesorgt.

Maschinengewehrfeuer – und Geduld


Hiram S. Maxim, Erfinder des Maxim-Maschinengewehrs. Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain.
Die Mörder eröffnen nun das Feuer mit einem Maxim-Maschinengewehr Modell 1895, vermutlich im Kaliber .303 British. Die Darstellung ist historisch korrekt – dieses Maschinengewehr war das erste serienreife automatische MG und wurde um 1890–1895 von vielen Armeen eingeführt. Die Feuerkraft ist gewaltig, und Holmes weiß, dass ein direkter Kampf zwecklos wäre.
Stattdessen wartet er geduldig, bis der in den Gurt eingeschobene Lippenstift den Mechanismus erreicht. Als das MG blockiert, befiehlt Holmes den Gegenangriff. Der Zuschauer ist über Watsons militärischen Hintergrund und seinen Ruf als wahrer Scharfschütze im Bilde. Homes ist sich im Klaren, dass nur sein Freund mit dieser Taschenpistole einen vernünftigen Treffer erzielen kann.

Dieser nutzt das entstandene Loch im Waggon. Der MG Schütze ist gerade mit der Störungsbeseitigung beschäftigt während sein Kamerad mit einer Handgranate hantiert. Die kleine Kugel rauscht durch das Loch und trifft den Soldaten am Arm.

Das unbeabsichtigte Finale
Der Getroffene greift sich mit schmerzverzerrtem Blick an die Wunde – und reißt dabei versehentlich den Sicherungssplint der Granate in seiner Hand heraus. Diese fällt zurück in den Sack mit den übrigen Explosivkörpern.
Er hat keine Chance, die nun scharfe Granate rechtzeitig zu finden – es kommt zur Explosion. Die Detonation zerstört einen Großteil des Abteils und verschafft Holmes und Watson die Möglichkeit zur Flucht.
Ein dramatischer Ablauf, der filmisch überhöht ist, aber nicht völlig unrealistisch: Granaten jener Zeit galten tatsächlich als empfindlich, sobald Sicherung und Splint entfernt waren.
Sherlock Holmes: Spiel im Schatten zeigt in dieser Sequenz eine Mischung aus historischem Waffenwissen, physikalischer Logik und überzeichneter Filmhandlung. Wer wie ich genau hinsieht, erkennt, dass viele der gezeigten Effekte auf realen Grundlagen beruhen… Auch wenn es in der filmischen Umsetzung etwas zugespitzt dargestellt wird. Besonders bemerkenswert ist der konsequente Einsatz von Improvisation und Köpfchen und wohl dosierter Gewalt, was das Markenzeichen des filmischen Holmes ist.
Weitere Details folgen
Demnächst folgt auf dem Schießstand eine filmgetreue Nachstellung der Zug-Szene – inklusive Schusstest mit der Pepperbox.

Sieht nicht schlecht aus
Tolle Seite! Im 2009er Sherlock Holmes benutzt Moriarty auch eine Waffe, die mir eine Pepperbox zu sein scheint. Ist das so oder täusche ich mich?
Hallo Thor,
ja da hast Du recht. Im 2009er hat Moriarty die Waffe in einer Konstruktion an seinem Unterarm befestigt und kann diese vorschnellen lassen. Dieses System wird auch in der Neuauflage von Django Unchained von Dr. Schultz( Christoph Waltz) verwendet. Allerdings nutzt er hier einen klassischen zweiläufigen Derringer.
Gut beobachtet und danke für den konstruktiven Kommentar.
Gruß
el-cheffe
Coole Seite, grade erst gefunden. Danke dafür