Sharps Pepperbox von HEGE / Uberti – Die erste Patronenwaffe des italienischen Traditionsherstellers

In meiner Sammlung befindet sich eine der technisch wie historisch interessantesten Waffen des Western-Zeitalters: die Sharps Pepperbox, gefertigt von Uberti und vertrieben durch HEGE.
Diese Waffe markiert einen Wendepunkt in der Geschichte von Uberti – denn sie war die erste Patronenwaffe, die der italienische Hersteller als historisch inspirierten Nachbau fertigte. Zuvor produzierte Uberti ausschließlich Vorderlader.


Eigenaufnahme und Eigentum von Bang&Cut

Das historische Vorbild

Eigenaufnahme und Eigentum von Bang&Cut

Oben: Ein kreisförmig arrangiertes Ensemble historischer Pepperbox-Waffen – entnommen dem Fachbuch Antique Guns from the Stagecoach Collection von Hang Wieand Bowman (aus meiner Privatsammlung).

Das Original geht auf den amerikanischen Büchsenmacher Christian Sharps zurück. Er ließ 1859 eine mehrläufige Taschenpistole patentieren, bei der nicht die Läufe, sondern der Schlagbolzen drehte. Die Produktion begann um 1860 und lief bis etwa 1874. Die Waffe war in verschiedenen Randfeuerkalibern erhältlich, unter anderem in den Kalibern .22, .30 und .32 Rimfire. Insgesamt wurden schätzungsweise rund 80.000 Exemplare gefertigt.

Technische Daten der HEGE Uberti Pepperbox

MerkmalDaten
HerstellerUberti (Italien), Import durch HEGE (Deutschland)
ModellSharps Pepperbox, historischer Nachbau
Konstruktionsbeginn ab1962
SystemMehrlaufpistole mit rotierendem Schlagbolzen
Kaliber.22 kurz (Randfeuer)
Laufanzahl4 feststehende Läufe
Lauflängeca. 2,5 Zoll
MaterialMessingrahmen, Stahl-Läufe, Kunststoffgriff
Finishbrüniert / Messing poliert
Sicherungkeine, reiner Single-Action-Mechanismus
Besonderheiterste Patronenwaffe von Uberti

Der Griff besteht aus verziertem Kunststoff, der optisch an Ebenholz erinnert. Diese Verarbeitung verleiht der Waffe trotz des modernen Materials einen hochwertigen Look.


Aldo Uberti- Der Pionier und der Bezug nach Schwäbisch Hall

Uberti begann in den 1950er-Jahren mit hochwertig gefertigten Vorderladern für die 100-Jahrfeier des amerikanischen Bürgerkrieges und denSammlermarkt. Während viele italienische Hersteller dieser Zeit auf günstige Massenproduktion setzten, stand bei Uberti von Beginn an Detailtreue und Fertigungsqualität im Vordergrund.

HEGE – die Firma von Heinrich Gessmann aus Schwäbisch Hall – war in Deutschland maßgeblich daran beteiligt, diese Waffen einem breiten Sammlerpublikum zugänglich zu machen. HEGE importierte nicht nur, sondern sorgte auch für die Anpassung an deutsche Beschussvorschriften und führte eine hohe Endkontrolle durch.

Mit der Pepperbox wagten sich Uberti und HEGE erstmals an eine schussfähige Patronenwaffe im historischen Stil. Damit entstand der die erste Uberti mit Metallpatronen.

Fachliche Einordnung – Niederastroth über die Pepperbox

Aus der DWJ 10/2018 mit feundlicher Genehmigung der Autoren Georg Reitmeyer und Klaus Niederastroth

Wer sich tiefer mit der Geschichte der Pepperbox-Nachbauten beschäftigt, stößt unweigerlich auf Wolf D. Niederastroth, einen der profiliertesten deutschen Fachautoren im Bereich der Neo-Klassiker und Gründungsmitglied der FROCS(Friends of the Centaure Society).
In einem ausführlichen Artikel im Deutschen Waffen-Journal (DWJ) beleuchten Georg Reitmeyer und Klaus Niederastroth die Entstehungsgeschichte der HEGE-Uberti Pepperbox. Sie gehen dabei weit über die reinen technischen Daten hinaus und ordnen die Waffe kulturhistorisch in die Western- und Sammlerszene der 1960er-Jahre ein.

Zitat aus dem DJW 10/2018 Artikel „König der Replikas“

Fund bei Auktionshaus. Im April 2017 bot Hermann Historica die bisher ein zige bekannte Patronenwaffe aus der Gregorelli&Uberti Partnerschaft an, eine für Navy Arms gefertigte Sharps 4Shot Pepperbox, Kaliber .22 kurz, Seriennummer #180745, GardoneBe schuss XVIII (1962). Nach derzeitigem Kenntnisstand müssten diese Pepperbox Modelle, gefertigt ab 1961 und gefolgt 1962 von einem Deringer over/ under im Kaliber .39 Special, die ersten Patronenwaffen überhaupt von Uberti sein. Uberti scheint also 1961 mit der Fertigung von Patronenwaffen begonnen zu haben.

Ihre Analyse zeigt, wie Uberti mit dieser Waffe Neuland betrat und eine Lücke im Markt hochwertiger historischer Patronenwaffen schloss. Beide Autoren zeichnen sich durch ihre akribische Recherche und ihr tiefes Verständnis für die Fertigungsprozesse dieser Zeit aus – Eigenschaften, die sie zu Koryphäen auf dem Gebiet der Neo-Klassiker machen.

Sammlungseinordnung

In meiner Sammlung nimmt die HEGE Uberti Pepperbox eine besondere Stellung ein. Wenn man sich den Beschuss genau ansieht kann man ihn klar einordnen:

Sie trägt den Italienischen Beschuss XX7 der als Abkürzung für XXVII steht. Damit ist sie dem Jahr 1971 zuzuordnen. Sie etwa zehn Jahre nach Einführung des Models in die Fertigung der Waffenfabrik Uberti hergestellt worden und ein einzigartiges Zeugnis der Geschichte.

Sie steht als Bindeglied zwischen der amerikanischen Pioniertechnik des 19. Jahrhunderts und der europäischen Neo-Klassiker-Bewegung der 1970er-Jahre.

Diese Waffe vereint historischen Anspruch, handwerkliche Qualität und technische Eigenheiten in einer Form, die weit über ein reines Sammlerstück hinausgeht. Sie ist keine bloßer Nachbau, sondern eine eigenständige Interpretation klassischer Waffentechnik – entstanden in einer Zeit, in der historische Modelle mit modernen Fertigungsmethoden neu gedacht wurden.

Filmwaffe – sammlungswürdig?

Darüber hinaus ist die Pepperbox fest mit der modernen Popkultur verknüpft: In den beiden Sherlock-Holmes-Filmen von Guy Ritchie (Sherlock Holmes, 2009 und Sherlock Holmes: Spiel im Schatten, 2011) spielt ein nahezu identisches Modell eine prominente Rolle. Die Szene im fahrenden Zug – in einem anderen Artikel auf dieser Seite ausführlich besprochen – hat mich schon beim ersten Sehen fasziniert. Genau dort begann mein Wunsch, diese Waffe eines Tages selbst in Händen zu halten.

Bild: öffentlichen Ursprungs (Public Domain) via Picryl

Die Filme selbst waren international sehr erfolgreich. Der erste Teil wurde 2010 mit zwei Oscar-Nominierungen ausgezeichnet – in den Kategorien Beste Filmmusik (Hans Zimmer) und Bestes Szenenbild. Auch Spiel im Schatten überzeugte mit Stil und Atmosphäre und festigte die ikonische Neuinterpretation des Detektivs als Actionheld mit analytischem Verstand.

Filmwaffen nehmen in meiner Sammlung einen besonderen Stellenwert ein. Sie verbinden kulturhistorische Bedeutung mit visuellem Wiedererkennungswert. Die Pepperbox ist ein erster Baustein – langfristig möchte ich die Sammlung gezielt erweitern und um weitere ikonische Waffen aus Film und Fernsehen ergänzen.


Reparatur und Erhaltung – wenn der Sammler selbst zum Erhalt beiträgt

Wie viele historische Nachbauaten steht auch die HEGE-Uberti Pepperbox vor einem typischen Problem: Ersatzteile sind durch den historischen Nischenstatus kaum noch erhältlich.

Veranschaulichung (KI Bild)

Weder Uberti noch HEGE führen die Waffe im aktuellen Sortiment, und auch spezialisierte Händler bieten in der Regel keine Lagerbestände mehr an. Die wenigen noch verfügbaren Teile – etwa Schlagbolzenscheiben oder Hahnfedern – stammen meist aus privaten Sammlerbeständen und tauchen nur gelegentlich auf dem Gebrauchtmarkt auf.

Ein weiteres Problem ist, dass viele heute tätige Büchsenmacher kaum noch Erfahrung mit diesen Modellen haben. Während moderne Jagd- und Sportwaffen nach standardisierten Systemen aufgebaut sind, folgen Neo-Klassiker wie die Pepperbox historischen Fertigungsprinzipien. Bauteile wie der rotierende Schlagbolzen oder die komplexe Mechanik der Schlagbolzenscheibe erfordern spezielles Wissen und handwerkliche Präzision.

Bleibt also als praktikabler Weg nur der Gang zu einem auf historische Waffen spezialisierten Büchsenmacher – oder, für engagierte Sammler, der Schritt zur Erlaubnis nach § 26 WaffG, die es erlaubt, Waffen im privaten Rahmen selbst zu bearbeiten und instand zu setzen.

Mit dieser Genehmigung ist es dem Sammler gestattet, fehlende oder defekte Bauteile selbst herzustellen oder anzupassen, um die technische Funktion der Waffe als Kulturgut zu erhalten. Der Fokus liegt hierbei nicht auf dem Schießbetrieb, sondern auf der fachgerechten Bewahrung eines seltenen technischen Zeugnisses.

Gerade bei Neo-Klassikern wie der HEGE-Uberti Pepperbox zeigt sich damit eine oft übersehene Facette des Sammelns: Der Erhalt historischer Technik ist keine Frage der Nutzung – sondern des Verstehens und Bewahrens.

Kaliber .22 kurz – das kleinste unter den Klassikern

Die HEGE Uberti Pepperbox wurde auch im Kaliber .22 kurz (engl. .22 short) gefertigt. Dieses Kaliber wurde 1857 für die erste Smith & Wesson-Revolvergeneration eingeführt und zählt zu den ältesten noch produzierten Patronen.
Für Taschenwaffen wie die Pepperbox ist es bis heute eine praktische Lösung – geringe Rückstoßenergie, niedrige Lautstärke, einfache Konstruktion. Interessant wird es wenn man die Patrone mit der moderneren .22lfB vergleicht. Ein drittel mehr Geschwindigkeit aber dafür doppelt so viel Energie. Ich habe noch die 45 Colt mit ins Rennen geworfen, da jedem der Colt Peacemaker ein Begriff sein sollte.


von links: .22kurz, .22lfB, .45 Colt (Eigenaufnahme und Eigentum von Bang&Cut)

Ballistische Vergleichstabelle

KaliberGeschossgewichtMündungsgeschwindigkeit (V₀)Energie (Joule)Typische Verwendung
.22 kurz (.22 short)1,8 – 2,6 gca. 200–250 m/sca. 40–65 JTaschenwaffen, Zielschießen, Sammler
.22 lfb (.22 lr)2,5 – 3,2 gca. 320–380 m/sca. 100–150 JSportschießen, Jagd, Ausbildung
.45 Colt13,0 – 16,0 gca. 250–290 m/sca. 500–700 JWestern-Revolver, historische Büchsen

Ist das Kaliber .22 kurz verteidigungstauglich?

Darauf muss man mit einem klaren „Jein“ antworten – die eigentliche Frage lautet vielmehr: Wofür?

Veranschaulichung (KI Bild)

Ein Blick auf die Metropolen der viktorianischen Ära zeigt: Wer zur falschen Zeit am falschen Ort unterwegs war, konnte schnell als Leiche in der Gosse oder einem Fluss enden. Die Kluft zwischen Arm und Reich war gewaltig, und der Inhalt eines Gehrocks oder einer Damentasche konnte mehr wert sein als der Jahreslohn eines Tagelöhners.

Kleine, gut verdeckt zu tragende Schusswaffen waren daher ein Must-have der Zeit – nicht nur im „Wilden Westen“, sondern auch in London, Paris oder auf den Straßen Berlins. Diese Waffen dienten einerseits zur Abschreckung, andererseits als Verteidigungsmittel gegen Schurken mit Messern, Knüppeln oder Eisenstangen.

Aus Sicht des Autors wäre ein großes Bowie-Messer oder ein Stockdegen in der geübten Hand eines Fechters sicherlich effektiver gewesen. Doch der Geldadel und die städtische Oberschicht begannen sich dem Luxus einer Scheinwelt hinzugeben. Das Wissen ihrer Vorfahren über Fechtkunst und Faustkampf wurde verdrängt – verbannt in romantische Geschichten über Ritter und Burgfräulein.

So war es für einen Gentleman wie für eine Lady durchaus vernünftig, eine Schusswaffe bei sich zu führen – mag das Kaliber noch so schwach gewesen sein. Denn eines steht fest: Getroffen werden möchte niemand – auch nicht von einer Kugel im Kaliber .22 kurz.


3 Kommentare zu „Sharps Pepperbox von HEGE / Uberti – Die erste Patronenwaffe des italienischen Traditionsherstellers“

  1. Hallo, nochmal, hochinteressante Seite! Ich schließt eine Lücke, oder ich bin bisher auf nichts vergleichbares gestoßen.
    Du schreibst, die Pfefferbox nimmt 22 kurz. Käme die auch mit 22 long rifle zurecht? Du hattest das ja oben ballistisch verglichen.

    1. Hallo Thor, danke für Dein Interesse. Die 22 kurz ist laut CIP bei ca. 1000 bar. Die .22lfb oder long rifle bei ca. 1700bar. Es besteht aufgrund des dünnen Messingrahmens im Bereich des Stoßbodens Bruchgefahr. Außerdem ist das Patronenlager nur für 22 kurz gefräst. eine 22lfb geht da gar nicht rein. Gruß Wolfram

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